Die Ukrainer erobern Gebiete im Donbass zurück – und profitieren dabei von verfälschten Militärkarten im Kreml
In aller Heimlichkeit haben die Ukrainer bei einer Gegenoffensive ein Territorium von 200 Quadratkilometern unter ihre Kontrolle gebracht. Erst mit Verspätung realisiert man in Moskau, dass die verantwortlichen russischen Offiziere wochenlang ihre prekäre Lage beschönigt hatten.
Ukrainische Soldaten am 11. September in der Nähe der Frontstadt Kramatorsk im nördlichen Donbass.
Anatolii Stepanov / Reuters
Der russische Präsident Wladimir Putin hat im Ukraine-Krieg immer wieder mit reinen Phantasieerfolgen Siegesstimmung zu verbreiten versucht. Am 1. September machte er bei einer Pressekonferenz eine besonders verblüffende Mitteilung: Obwohl seine Sommeroffensive im Donbass gescheitert war, verkündete er triumphierend, dass Russlands Truppen nicht nur vorrückten, sondern sogar das Tempo ihres Vormarschs erhöht hätten. Am Vortag hätten sie die Stadt Swjatohirsk im Norden der Provinz Donezk eingenommen.
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In Wirklichkeit befand sich Swjatohirsk, übersetzbar als «Heiligenberg» und berühmt wegen seines uralten orthodoxen Klosters, zu diesem Zeitpunkt fest in ukrainischer Hand. Mehr noch: Während Putin seine Truppen in der Klosterstadt am Fluss Donez wähnte, befanden sie sich auf dem Rückzug, bedrängt durch ukrainische Einheiten, die überraschend mehr als zwanzig Kilometer östlich von Swjatohirsk aufgetaucht waren.
Selbsttäuschung mit System
Der genaue Frontverlauf bleibt vorerst ungewiss, aber aus verschiedenen Mosaiksteinen lässt sich ein ungefähres Bild zeichnen. Klar ist: Die Russen wurden Opfer ihrer eigenen Propaganda und der systematischen Beschönigungen in ihrer Befehlskette. Das Phänomen ist seit längerem bekannt: Lokale Offiziere werden von ihren Vorgesetzten mit unerreichbaren Vorgaben unter Druck gesetzt und melden fiktive Eroberungen, bei denen es sich bestenfalls um Infiltrationen einiger weniger Soldaten handelt.
In der Generalität schenkt man solchen Berichten nur zu gerne Glauben, weil von oben rasche Erfolge eingefordert werden. So verzerrt sich das Lagebild immer weiter, je höher man in der Hierarchie geht. Eine ähnliche Peinlichkeit erlebte der Kreml im vergangenen November, als der zuständige Regionalkommandant dem Präsidenten die Nachricht von der vollständigen Eroberung der Stadt Kupjansk in der Provinz Charkiw überbrachte. Sie war falsch; Kupjansk steht bis heute unter ukrainischer Kontrolle.
Auch diesmal wurde die russische Führung schnell Lügen gestraft. Sechs Tage nach Putins Erfolgsmeldung nahm der ukrainische General Andri Bilezki in Swjatohirsk seelenruhig – ohne Helm, am helllichten Tag und mit den goldigen Kuppeln des Klosters als Hintergrund – ein Video auf, in dem er erklärte, dass sich die Stadt fern der Front befinde. Wo diese wirklich liegt, verschwieg der General allerdings.
Auf ukrainischer Seite lässt sich das Gegenteil der russischen Übertreibungen
